1. Geschichte und Kontext
Karl V., der Heilige Römische Kaiser und König von Spanien, gab den Bau dieses Palastes 1527 in Auftrag, kurz nachdem er Granada als Teil der spanischen Krone geerbt hatte. Der Standort wurde im Herzen der Alhambra gewählt, am westlichen Rand des Nasridenpalast-Komplexes. Der Architekt war Pedro Machuca, ein spanischer Renaissance-Meister, der in Italien studiert hatte und italienische Designprinzipien direkt nach Granada brachte. Machuca hatte an der Alhambra kein Vorbild; er schuf etwas völlig Neues – ein Zeichen, dass die christliche Monarchie die Festung kontrollierte und ihre eigene architektonische Handschrift hinterlassen würde. Der Palast war als königliche Residenz konzipiert, obwohl Karl V. nie dort lebte. Der Bau setzte sich durch das 16. Jahrhundert fort, wurde aber nie vollständig abgeschlossen. Dach und einige Innenelemente wurden nie fertiggestellt, was den Palast in einem einzigartig unvollendeten Zustand hinterließ, der zu seinem Erkennungsmerkmal wurde.
2. Der kreisrunde Innenhof
Im Herzen des Palastes liegt sein markantestes Merkmal: ein perfekt kreisrunder Säuleninnenhof von etwa 63 Metern Durchmesser. Dieser Innenhof hat in der Renaissance-Architektur nahezu keine Parallele. Er ist von einer zweigeschossigen Arkadenreihe aus Marmorsäulen in den klassischen Ordnungen umgeben – dorisch im Erdgeschoss, ionisch im Obergeschoss. Die Kreisform wurde wahrscheinlich von klassischen römischen Amphitheatern und der Renaissance-Architekturtheorie beeinflusst, aber ihre Anwendung in einem Königspalast war revolutionär. Der Innenhof ist offen zum Himmel (der Palast wurde nie überdacht), was ein ungewöhnliches Verhältnis zwischen Innen- und Außenraum schafft. Ein Gang durch diesen Innenhof ist ein meditatives Erlebnis; seine Proportionen sind so perfekt ausbalanciert, dass er sich grundlegend anders anfühlt als die kantigen Gärten und Innenhöfe der Nasridenpaläste.
3. Die Hauptfassade
Die Süd- und Westfassaden des Palastes sind die aufwendigsten Abschnitte. Sie zeigen Reliefschnitzereien, Medaillons und ornamentale Steinmetzarbeiten, die für die Hochrenaissance-Architektur charakteristisch sind. Der Haupteingang wird von einem großen Portal mit klassischen Proportionen gerahmt. Medaillons mit Profilporträts und heraldischen Motiven schmücken die oberen Fassadenpartien, ein gängiges Element in der Renaissance-Palastarchitektur. Die Steinmetzarbeiten sind fein ausgeführt und durch fast 500 Jahre Witterung gezeichnet. Die Fassade weist ins Innere des Alhambra-Komplexes, nicht zur Stadt, was betont, dass dieses Gebäude dazu bestimmt war, von innerhalb der Festung erlebt zu werden und nicht als Botschaft an das Granada darunter. Der Kontrast zwischen der geometrischen Reinheit des kreisrunden Innenhofs und dem ornamentalen Reichtum der Fassaden schafft die reizvollste Spannung des Palastes.